Erzählungen und die Macht der Zeit
November 28th, 2009 |Über Filme lässt sich streiten und Geschmäcker sind verschieden. Dennoch gibt es Techniken, die Filme einzigartig, bemerkenswert machen. Ein starkes Werkzeug dafür ist Zeit. Hier drei verschiedene Beispiele, wie der Spannungsbogen eines Films durch das Arbeiten mit Zeit gesteuert werden kann:
Memento
Der “rückwärts”-Film. Der Film beginnt am Ende. Und arbeitet sich, Szene für Szene, bis zum Anfang “zurück”. Die Spannung ist unglaublich, der Aufbau ein Meisterwerk. Memento ist so aufgebaut, dass die Richtung keine Rolle spielt (obwohl, meiner Meinung nach, die normale Abfolge wesentlich uninteressanter ist). Wer auch nur geringes cineastisches Interesse hat, sollte sich Memento das ein oder andere Mal zu Gemüte führen. Zeit wird hier eingesetzt, um mit dem gewohnten Klischee zu brechen. Dieser Film ist anders. Und nicht zum Selbstzweck, sondern mit einer profunden Wurzel in der Handlung selbst.
Pulp Fiction
Chaos. Auch hier beginnt der Film in der letzten Szene – aber das weiß man anfangs noch nicht. Danach wird zeitlich und örtlich gesprungen, gemischt, durcheinandergebracht. Es gibt in jedem Teil des Films klare Hinweise darauf, wann dieser zeitlich einzuordnen ist – dafür muss man aber mitdenken und richtig kombinieren. Anfühlen tut sich Pulp Fiction wie eine Aneinanderreihung miteinander nur ganz leicht verwobener Kurzfilme, jeder mit seiner eigenen kleinen Handlung. Was daraus wiederum einen doch eigenständigen Film macht ist die übergeordnete Entwicklung der Charaktere und deren Beziehungen zueinander. Der chaotische Zeitmix dient hier dazu, zu kaschieren, dass der Film keine klassische Handlung hat – es gibt keine “Schlüsselszene”, keinen Höhepunkt, Vorspann und kein wirkliches Ende. Trotzdem fehlt es nicht an Spannung.
Boondock Saints
Synchronizität. Dieser Film geht etwas subtiler ans Werk. Der Aufbau des Films ist eine Wiederholung eines simplen, aber sehr effizienten Musters: Eine Szene baut sich auf, und kurz vor dem Höhepunkt, der Eskalation der Situation, findet ein Zeitsprung in die Zukunft statt: Die Tatrekonstruktion am Ort des Verbrechens. Umgesetzt ist die Tatrekonstruktion synchron: Die Beamten ermitteln, ziehen ihre Schlüsse und versuchen, den Hergang nachzuvollziehen – während man die Bilder des wahren Ablaufs sieht. Es wird also vom aktuellen Handlungsmoment in die Zukunft geschnitten, und die Handlung dann in der Vergangenheitsform wieder aufgerollt. Der Film springt voraus und lässt den Zuseher dann wieder aufholen, nur um das gleiche Spielchen wieder von vorn zu starten.
Und weiter?
Ein überwiegender Großteil aller Filme verläuft einfach linear. In den letzten Jahren wurde es modern, Rückblicke (Traumsequenzen, Erinnerungen, etc.) einzuarbeiten – an diese, meist ganz klar gekennzeichneten (akustisch durch Hall, visuell durch Verzerrungen, Überbelichtung, Schwarz/Weiß Szenen, etc.) haben wir uns inzwischen gewöhnt. Ich persönlich hoffe, dass mit dem Element Zeit in Filmen viel mehr experimentiert, viel freier und kreativer umgegangen wird. Vielleicht so weit, wie in Robert A. Wilson’s Illuminatus!-Trilogie, aber die Sprünge dort sind wohl eine Kategorie für sich.