Novarock 2007 – Eine heiße Angelegenheit
Vor zwei Jahren fand das erste Mal ein Novarock statt. Aus dem Nichts heraus wurde ein Riesenfestival geboren und mitten ins Burgenland gepflanzt. Lockmittel: Das sensationelle Line-Up und die schier überwältigende Größe. Überzeugend genug für Philipp und mich, zwei alte Freunde der Festivalkultur. Nur leider wollte eins damals überhaupt nicht mitspielen: Das Wetter. Drei Tage im Regen taten der Temperatur einen äußerst unsommerlichen Abbruch und wollten auch das Allgemeinwohl nicht unbedingt stärken, aber es war trotz allem am Ende alles irgendwie gut. Heuer fand das Novarock zum dritten Mal statt und wir waren wieder mit dabei. Doch es sollte alles ganz anders werden.
Donnerstag, der Tag 0
Zeltplätze bewachen, das macht die Mi’hl glücklich!
Wir haben unsere Mädls vorausgeschickt, die waren schon am frühen Nachmittag des Vortags dort um einen guten Zeltplatz zu ergattern und bis in die frühen Abendstunden zu reservieren. Der Rest der Runde trudelte dann tröfpchenweise ein. Die Anreise an sich gestaltete sich heuer überraschend angenehm, auch per Zug und anschließendem Shuttle war man gut bedient und von Wien aus in ca. 1,5 Stunden am vermeintlichen Ziel. Dort allerdings, beim Aussteigen aus dem Shuttlebus, wurde die allgemeine Anreisestimmung durch das Bild am Horizont etwas getrübt. Nicht etwa durch Regenwolken, sondern vielmehr durch das scheinbar in weiter Ferne weilende Festivalgelände. Denn der Plan im Internet hat zwar sehr kompakt ausgesehen, aber was da vor mir lag waren gut zwei Kilometer Fußweg bis zur Bändervergabe. Zum Glück war ich diesmal noch mit leichtem Gepäck unterwegs und so trat ich meine Reise an und konnte mich nach weiteren gut vierzig Minuten und ohne nennenswerte Wartezeit an der Bänderausgabe das erste Mal an unserem Campingplätzchen niederlassen.
Wohl gefüllt, so ein Campingplatz
Das Campingareal war, gelinde gesagt, überfüllt. Und das noch am Tag vor dem eigentlichen Anfang. Da war kaum noch ein Durchgehen möglich zwischen den Zelten und unsere Mädls haben wirklich vollste Arbeit geleistet, für gut vier Zelte Platz frei zu halten zwischen all den Anreisenden. Unser Platz war zwar alles andere als nahe am Geländeeingang, dennoch war die Lage erstklassig: Der Eingang zur Red Stage war in Katzenwurfnähe und von dort konnte man ja direkt zur großen Blue Stage weitermarschieren. Außerdem bekamen wir von den Auftritten auf der Red Stage auch direkt an unserem Platz noch genug mit. Das Hygienezentrum war in absolut erträglicher Entfernung, was will man mehr?
Nachmittagssitzen
Also haben wir erstmal einen entspannten Nachmittag verbracht und uns ein bisschen eingestimmt auf die kuschelige Nähe mit unseren Nachbarn, die uns erwarten würde wenn schlussendlich alle da sind. Und uns seelisch vorbereitet auf das, was da noch kommen würde, wenn des Abends Philipp anreisen wird, mit unserem restlichen Gepäck und Proviant. Die Zwischenbilanz der Anwesenden: Gerti & Markus, Julia, Mi’hl und Georg sind schon fröhlich angekommen. Wir warten noch auf Harry, Philipp, Max, Res, Renate und deren Cousin, der glaub’ ich Markus heißt. Insgesamt sind ein Pavillon und vier Zelte aufgestellt, vier würden noch dazukommen um unser kleines Dörfchen zu komplettieren.
Der Abend bricht herein und Philipp scheint sich zu nähern. Gegen Mitternacht vermeldet er seine Ankunft und wir brechen mit einer Rodel auf, ihn bei der Haltestelle für die Shuttlebusse zu empfangen. Weiter darf niemand rein, auch nicht um Gepäck zu liefern. Gut 45 Minuten sind wir insgesamt unterwegs und nach einer geschätzten weiteren Stunde treten wir unsere nächtliche Wanderung an, bepackt mit zwei vollen Rodeln und einem ganzen Haufen anderer Dinge, die wir so herumtragen. Dieser Marsch stellt sich als der Tiefpunkt des Wochenendes heraus. Voll beladen dauert der Rückweg noch länger als der Hinweg und so gegen 3.00 Uhr nachts sind wir endgültig angekommen am Ziel dieser schier ekelhaft-anstrengenden Reise. Wir schimpfen über die dumme Organisation der Anlage, die unnötig langen Fußwege und sind im Endeffekt einfach nur froh, es hinter uns zu haben. Die Stimmung ist an einem Tiefpunkt angelangt, von dem es nur noch bergauf gehen kann.
Zeltaufbau mit Hindernissen
Der nächste Streich wird uns von unserem Equipment gespielt: Das luxuriöse Zelt von Philipp ist zwar groß und toll, aber wer auch immer es beim letzten Mal abgebaut hat, hat es zu viel abgebaut. Nämlich ist das kein einfaches Igluzelt, sondern die Grundform ist sechseckig. Man spannt dann drei statt der üblichen zwei Fiberglasstangen und hängt diese, jetzt beginnt der kritische Teil, an einem Band fest, das fix an der Zeltplane montiert ist und das ganze Teil in Form bringt und stabil hält. Jetzt ist die Sache die, dass dieses Band nicht einfach rund um’s Zelt verläuft, sondern über Kreuz zwischen den Ecken hin- und hergespannt ist, zwecks der Stabilität. Und dieses Band hat jemand seiner fixen Integriertheit beraubt. So begab es sich, dass wir nach ca. vier bis fünf Stunden, als es schon wieder taghell war, endlich die richtige Überkreuzung gefunden hatten und somit fertig waren mit dem Zeltaufbau. Gut eine Stunde Schlaf war dann noch drin, danach startete die Sonne ihre erbarmungslose Hitzeattacke.
Freitag, es geht los
Rein vom ökonomischen Standpunkt kann ich nur das Double-Fisting empfehlen.
Und zwar mit einem Frühstück. White Russian scheint uns der perfekte Start in einen sonnigen Festivaltag zu sein und so kredenzt Philipp diese Big-Lebowski-Kultträchtige Köstlichkeit. Im Lauf des Tages trudelt der Rest der Runde ein, die Zeltstadt nimmt ihre finale Form an: Renate ist eine der ersten, dann findet sich Harry ein. Es reicht noch für einen kleinen Erkundungsrundgang, auf dem wir das Fisting-Zelt und den Grillplatz entdecken, dann widmen wir uns dem ersten Konzert: Bosshoss. Und wir sind begeistert. Nicht nur die Musik ist perfekt für einen Festivalnachmittag, auch die Bühnenshow. Der Sänger, der auf einem imaginären Pferd Rodeo zu reiten scheint, die weißen Rip-Unterhemden, Bluejeans, riesige Gürtelschnallen – Cowboys pur. Die nicht mit dem Einsatz von Bier geizen, schon gar nicht beim Spielen der Instrumente. So erleben wir ein Drum-Solo, bei dem die Bierfontänen von der Trommelhaut meterweit in die Höhe schnalzen und lernen, dass man bei einer Bassgitarre nicht zwangsläufig mit den Händen greifen muss – zeitweise tut’s auch eine Flasche Bier.
Der Schlaxi zum allerersten Mal in seinem Leben auf einem Festivalgelände
Zwischendurch kommt der ShaxMax an, von dem noch Gepäck in Philipp’s Auto ist, welches wir aber aufgrund brühender Nachmittagshitze für einen späteren Hereintransport vormerken. Auch Res, Gerti’s Schwester, trudelt ein und bezieht ein weiteres Zelt. Somit ist die Stadt komplett. Weiter geht’s mit Reel Big Fish, extra für den Philipp. Retten tut uns zwischenzeitlich der Camelback, mit dem wir ohne Probleme ins Kerngelände kommen und der uns laufend mit einer gesunden Mischung Jimmy-Cola zu versorgen weiß. Wir haben Spaß. Beim Ausgang treffe ich zwischen 10000 anderen Menschen doch tatsächlich meine Cousine aus Tirol, aber wir sind im Stress und werden uns später zusammenrufen. Nach kurzer Refill-Pause geht’s zu Me First and the Gimme Gimmes, anschließend brauchen wir eine Pause am Zeltplatz, die Hitze wird echt bösartig.
Billy Talent mit Vorhang, aber leider ohne brauchbare Tonqualität
Die nächste Band, die wir sehen ist auch schon die letzte für diesen Tag: Billy Talent. Aber durch ein nicht sonderlich enthusiastisches Konzert und eine geradezu jämmerliche Tonmischung erübrigt sich das schon vor Ende und wir begeben uns zu einer gemütlichen Zusammenkunft zu unserem Pavillon. Max will vor dem endgültigen Abendprogramm noch sein Gepäck holen, also macht er sich gegen 2.30 Uhr mit Philipp’s Autoschlüssel auf die Reise zum Shuttlebus-Parkplatz. Wie sich am nächsten Tag herausstellen sollte, leider umsonst.
Samstag, ein Martyrium
Die absolut einzige elektrische Zahnbürste, die ich in meinem ganzen Leben jemals auf einem Festival gesehen hab …
Der Morgen beginnt mit schlechten Nachrichten für Philipp: Kein Auto an beschriebener Stelle. Es war dunkel, es wurde getrunken und der Parkplatz ist riesig, also vermuten wir schlicht und ergreifend Schagerl’sches Versagen. Philipp macht sich gemeinsam mit Max auf, ihn auf seinen Irrtum hinzuweisen und seine Hiobsbotschaft Lügen zu strafen. Was als sich auflösendes Missverständnis ein glückliches Ende finden sollte gipfelte in einer bis in den Nachmittag andauernden Odyssee. Ergebnis: Das Auto stand angeblich im Parkverbot (aha) und wurde abgeschleppt. Also auf nach Nickelsdorf, irgendwo 250,- Euro organisieren (so eine Abschleppung is kein billiger Spaß) und nach langem Herumwurschteln wieder zurück. Für Max und Philipp war’s das für den Samstag Vormittag und sie trudeln so gegen 14.30 Uhr wieder ein, mit Auto. Und mit frischem Proviant.
Zu dritt mistkübeln!
– die Securities haben’s mit Humor genommen. Das war übrigens das einzige Mal, dass man auf dem Kerngelände Mistkübel angetroffen hat.
Devildriver um die Mittagszeit spielen zu lassen ist fast schon Hohn, aber der Fangemeinde war’s wurscht. Die Circlepit hat auch bei praller Mittagszitze gewütet.
Während die beiden das Auto geborgen haben, waren Julia und ich fleißig: Devildriver auf der Red Stage eröffnen das Programm des Tages. Und wie sie es eröffnen. Eines der besten Konzerte an diesem Wochenende, mit einer “circle pit” bei 35° Mittagshitze. Danach geht’s auf Tip von Sonja, besagter Cousine, zu Hayseed Dixie an die Blue Stage. Country-Covers spielen die, von AC/DC bis hin zu RATM. Nicht übel, nicht übel. Und witzig. Und gut. Ein feines Konzert und ein guter Nachmittag. Außerdem lernen wir, wie ein guter Frauenhintern beschaffen sein muss: Wenn man mit beiden Händen an beide Arschbacken fasst, dürfen sich die Fingerspitzen gerade nicht berühren können. Gut zu wissen!
Wer kennt dieses lustige Bild vom Flugzeug, unter dessen Flügelschatten sich ein Rudel Löwinnen zusammengerottet hat?
Hayseed Dixie in Action
Julia fällt ein genialer Einfall ein: Das Eistee-Eis ist billiger als der Eistee, kälter als der Eistee und gleich viel. Selten hab ich so viel Calippo (bzw. das Plagiat von Schöller) gegessen. Die Pause bis Therapy? verbringen wir im Refreshment-Tunnel und mit Nahrungsaufnahme. Zwar zu nicht allzu günstigen Konditionen, aber dafür ist die Qualität diesmal schwer in Ordnung.
Wer den Dialog nicht kennt: Warum liegtn hier Stroh rum?
– Warum hastn du ne Maske auf?
– Dann blas mir doch einen.
– Na gut.
Wir nehmen den noch frühen Nachmittag zum Anlass, das zwecks Rohrbruch ausgelegte Stroh zweckzuentfremden und stellen den Shaxi mit einer selbstgebastelten Maske und einem Schild “Warum liegt hier eigentlich Stroh rum?” mitten rein. Die Reaktionen sind spärlich, wir lernen: Das Pornodialog-Wissen des gemeinen Festivalbesuchers lässt aufs Äußerste zu wünschen übrig. Nächster Stop ist wieder eine kurze Erholungspause, in der wir den Wurst-Kult gründen und nach der ich mir mit einem zurückgekehrten Philipp Stone Sour anhören will. Wiedermal macht uns die Tonmischung einen Strich durch die Rechnung und wir verabschieden uns Richtung Blue Stage, um einen Happen zu essen und rechtzeitig zu In Flames zurück zu sein. Beim Käsekrainer-kredenzenden Bierzelt treffen wir Erich, Mr. Festivalguru himself, und kommen gemütlich ins Plaudern. Außerdem haben wir vom Gastgarten und unserer unterm Schirm stehenden Heurigengarnitur einen guten Blick auf die Bühne, weshalb wir einfach bleiben. Bis zu Linkin Park.
Huldigt der Wurst! – Worship the sausage!. Zweisprachig für alle zugreisten Festivalbesucher. Der Wurstkult nimmt befriedigende Ausmaße an, wir sind zufrieden.
Da geht’s auf nach Vorne, ab in die Menge. Auch ein wirklich schönes Konzert mit grandioser Stimmung. Es beginnt fast zu regnen, aber nach ein paar Tropfen ist wieder Schluss. Also kommen die ONE-Regenkondome nicht zum Einsatz. Nach Linkin Park ergreift Philipp die Flucht, er hat’s ein bissl übertrieben an diesem Tag. Julia & ich hören uns noch die erste Hälfte Pearl Jam gemütlich am Boden sitzend an, dann brechen auch wir auf zurück zum Campingplatz, wo der Abend einmal mehr gemütlich ausklingt.
Sonntag

Diesmal gehen wir’s gemütlicher an. Erst geht’s zu den Donots, die eine gute Show bringen und schockiert feststellen, dass es keinen Wasserschlauch für’s Publikum gibt. Das dürfte eigentlich echt nicht sein, schon gar net bei diesen Temperaturen. Nächster Stop ist Clawfinger, die uns in Erinnerung bleiben mit dem Publikumsdialog:
How many of you already have got our new album? – And how many of you didn’t download it from the internet? – If you downloaded it, at least buy a fuckin’ t-shirt!
. In einem sehr humorvollen Ton. Leider passt mal wieder die Tonmischung nicht und der Auftritt klingt wie aus dem CD-Player. Also ab auf den Campingplatz und ganz gemütlich in den Schatten knotzen. Letztendlich geht’s auf zu Flogging Molly, das Konzert ist spitze und die Abwesenheit des Wasserschlauchs macht sich durch sichtvernebelnde Staubschwaden deutlich bemerkbar.
Es spielen Flogging Molly, das ist der Blick nach hinten. Wir stehen ca. 100m vor der Bühne …
Nach Flogging Molly ist für Julia und mich Schluss für heute, wir sind fertig, kaputt. Also wieder zurück heim. Der Rest begibt sich zu Mando Diao und den Killers und vermeldet anschließend, dass im Partyzelt noch der Bär steppt. Nach kurzem Überlegen folgen wir dem Ruf und es gibt noch bis 4.00 Action. Dabei haben wir zwar Spaß, versäumen allerdings die Prozession: Ein ganzer Haufen Leute (Größenangaben bewegten sich zwischen 500 und 20000, wir tippen eher auf erstere Variante) ließ sich dazu aufrufen, dem Schuh zu folgen (UPDATE: Wenige worn’s net!). Irgendwer hatte einen Schuh an eine Stange gebunden, war damit herummarschiert und hat intoniert “Folgt – Dem – Schuh! Folgt – Dem – Schuh!”. Er fand regen Anklang und binnen kurzer Zeit soll es angeblich über den ganzen Campingplatz geschallt haben, inklusive Begleitung der Wanderschaft von Securities und Polizei. Und wir net dabei!
Montag – Bye, bye Novarock
Mit einem dezenten Sandstürmchen verabschieden uns die Pannonia Fields 2.
Was soll ma großartig sagen … abbauen, zusammenpacken und wieder raus. Wir haben den Hinterausgang genommen, der ursprünglich der Zugang für die Caravan-Leute war und dann gottseidank geöffnet wurde. Angekommen sind wir dann an eben diesem Caravan-Platz, allerdings war net sicher, ob man da mit dem Auto reindarf. Freundliche Caravanisten haben den Philipp dann mit nach Nickelsdorf genommen, wo am Bahnhof sein Auto stand. Reinfahren war überhaupt kein Problem und weg waren wir.
Fotos
Die gibt’s hier.
[...] Festivalsommer war ja heuer eher spärlich von uns gebucht. Vor allem nach dem Novarock war eine Pause und Abstand von Massenfestivals dringend notwendig. Aber Musik ist geil. Deswegen [...]