Was ist das eigentlich, Weisheit?
Weisheit hat ja meiner Auffassung nach nichts mit Wissen zu tun. Kinder sind oft weise, eben weil sie noch nicht Wissen. Menschen, die ganz einfach denken, sind oft weise, weil sie nicht verkomplizieren, analysieren und zerpflücken.
Also schauen wir uns Weisheit einfach mal ein bisschen genauer an.
Weisheit hat bestimmt mit Erfahrung zu tun.
Erfahrung ist, meiner Meinung nach, das kumulierte aus Erfolgen und Fehlern Gelernte. Weisheit ist, dieses Gelernte verallgemeinern, vereinfachen und in anderen Situationen anwenden zu können.
Weisheit hat bestimmt auch mit Querdenkertum zu tun.
Mein Neffe hat, wie wahrscheinlich jedes Kind, einen dieser Form-Erkennungs-Kästen (das ist jetzt ganz bestimmt kein sehr weises Wortkonstrukt) geschenkt bekommen: Eine Holzkiste, deren Deckel Löcher in verschiedenen Formen hat – Stern, Kreis, Quadrat und so weiter. In der Holzkiste gibt’s die passenden Bausteine. Wir nehmen also die Bausteine raus und beobachten den Lerneffekt. Ein 1,5-jähriger sieht uns kurz ratlos an, dann geht alles ganz schnell: Deckel auf, Bausteine rein, Deckel zu, weiter zu interessanteren Aufgaben. Die Weisheit darin: “Bevor du dich einem Problem widmest frag dich, ob es überhaupt wichtig ist für das, was du erreichen willst.”
Marcel Proust schrieb “der Instinkt diktiert die Pflicht, der Verstand aber liefert die Argumente, sich ihr zu entziehen” – das ist ganz bestimmt weise. Es ist etwas, das er – nehme ich einfach mal an – durch Beobachtung und Erfahrung, durch Gespräche, Diskussionen und aufmerksames Durch-Die-Welt-Gehen gelernt hat. Das Faszinierende daran ist nicht die Erkenntnis an sich, sondern die Fähigkeit, diese komplexe Beobachtung so pointiert in leicht verständliche Worte zu fassen.
“Lass uns nicht über das Schlechte, das war reden, sondern über das Gute, das noch sein wird” – auch das ist weise. Anders als Proust’s Zitat ist das einfach der Ausdruck einer optimistischen Lebenseinstellung. Man braucht keine Erfahrung, um so zu denken, aber Überzeugung.
Mir persönlich zaubern weise Aussagen ganz gern ein inneres Lächeln in die Brust. Lockernde Worte in einer gespannten Situation, die richtige Antwort auf eine schwierige Frage, die richtige Frage in einem unangenehmen Gesprächsumfeld. Woran erkennt man Weisheit? Ich würde sagen ein weiser Mensch ist jemand, den man bewundert, aber nicht beneidet. Der hilft und leitet, aber nicht berichtigt und führt. Jemand, dessen Anwesenheit und Charisma man genießt, der daraus aber keine Überheblichkeit schöpft. Jemand der weiß, wann sein Rat und seine Meinung hilfreich sind, und wann nicht. Jemand, der dich Fehler begehen lässt und dir dann hilft, daraus zu lernen, anstatt dich vor ihnen bewahren zu wollen. Jemand, von dem man etwas lernen kann, ohne das Gefühl zu haben, belehrt zu werden.
Letzten Endes kann Weisheit auch wunderschön subtil sein. Wie in diesem Zitat, das mich seit Jahren begleitet und mir in jeder Lebenslage ein helfendes Lächeln zu spenden vermag:
“Ich bin froh, dass ich Spargel nicht mag”, sagte Alice. “Denn würde ich Spargel mögen, müsste ich ihn auch essen – und ich kann Spargel einfach nicht ausstehen!”