Ich kann nicht, ich muss doch!

Firlefanz. Zwei Phrasen, mit denen wir uns täglich billige Auswege zu suchen vermögen. Zwei Phrasen, die sich so eingebrannt haben in unseren täglichen Sprachgebrauch, dass wir gar nicht mehr darüber nachdenken, was wir da eigentlich sagen. Zwei Phrasen, die böse sind.

Ich kann nicht!

Natürlich kannst du. Du willst nur nicht. “Hallo Sepp!” – “Hey Franz!” – “Du, gemma morgen auf a Bier?” – “Du morgen kann i net!” – “Warum das?” – “Da geh i mit dem Heinz ins Kino”. Die große Frage: Kann Franz nicht? Ich sage: Humbug. Natürlich kann Franz morgen mit Sepp auf ein Bier gehen. Er geht aber lieber mit Heinz ins Kino. Also will er lieber mit Heinz ins Kino als mit Franz auf ein Bier gehen. Das zu sagen wäre aber gemein. Deshalb sagt er “ich kann nicht”.

“Ich kann nicht” ist eine rückgratlose Ausflucht, ein gefinkeltes Hintertürchen aus der Erklärungsnot, die auf die Höflichkeit anderer abzielt: Wenn jemand nicht kann, respektiert man das. Man will Freunde doch nicht über ihre Fähigkeiten hinaus strapazieren. Dass die richtige Übersetzung eigentlich lautet “ich setze meine Prioritäten, und du bist auf der Liste nicht ganz oben”, ist uns dabei gar nicht bewusst.

Ist es schlimm, auf Sepps Prioritätenliste nicht ganz oben zu stehen? Ich sage: Nein. Es ist sogar gut. Würde man bei ihm immer erste Priorität haben, müsste man sich ernsthafte Sorgen um Sepps Geisteszustand machen. Und um die eigene Sicherheit. Sepp wäre besessen von uns. Macht das die Aussage “ich kann nicht” besser? Nein, verdammt! Es gibt natürlich Situationen, in denen es legitim ist “ich kann nicht” zu sagen. “Du, Sepp, magst morgen mitgehn den Kilimanjaro besteigen?” – “I kann net!” – “Wieso?” – “Uhm, Querschnittslähmung, und so?”

Ja, zugegeben, das Beispiel mag etwas übertrieben erscheinen. Vielleicht auch ein bisschen aus der Luft gegriffen. Eventuell sogar makaber. Aber zählen tut die Grundaussage: “Ich kann nicht” sollte man nur dann sagen, wenn man tatsächlich, aufgrund nicht änderbarer Umstände, nicht kann. Und es sind nur sehr wenige Umstände nicht änderbar.

Ich muss …

Im Prinzip ist das genau das gleiche, nur anders formuliert. “Morgen kann i net, da geh i mit dem Heinz ins Kino” und “Morgen muss i mit dem Heinz ins Kino gehn”, sind im Kern ein und dieselbe Aussage. Man muss fast nichts. Sterben, das muss man irgendwann. Essen, trinken und atmen, wenn einem das Leben am Herzen liegt. Bei allen anderen Dingen, behaupte ich, hängt es von der persönlichen Überzeugung ab, ob man sie tun muss, oder nicht. Und damit wird aus muss auch schon will. Man muss sich nicht der Macht des roten Lichts der Ampel ergeben und in Ehrfurcht innehalten vor seiner verkehrsregelnden Macht. Man will es.

Bei vollem Berufsverkehr am Freitag Abend in der Innenstadt ist das Motiv dahinter auch noch relativ einfach festzumachen: Überleben. Um Mitternacht, bei leeren Straßen auf einer Landstraße zwischen Hintertupfing und Obergilgen wird die Sache aber schon interessanter. Wer hat sich nicht schonmal spät nachts an der roten Ampel im Stillen gefragt: “Warum steh ich da jetzt eigentlich?” – eine durchaus legitime Frage. Und eine, philosophisch betrachtet, äußerst spannende. Man realisiert, dass man etwas tut, das man gar nicht tun müsste, und ist sich nicht im Klaren darüber, warum.

Dieses Verhalten ist nicht rational, es beschreibt vielmehr ein blindes Folgen von Vorschriften. Wir gehen davon aus, dass wer auch immer diese Ampel aufzustellen beschlossen hat, besser zu entscheiden weiß, ob die Kreuzung überquert werden kann, als wir. Dieser jemand ist nicht mal in der Nähe. Vielleicht hat dieser jemand die Kreuzung, an der die Ampel steht, noch nie in seinem Leben gesehen. Wir kennen diesen jemand nicht, haben ihn nie getroffen. Vielleicht ist dieser jemand inzwischen tot. Und trotzdem stehen wir jetzt hier, weil er es so will. Ist das nicht abstrus?

Meine persönliche Antwort auf die rote Ampel um 2.00 Uhr morgens ist übrigens so banal wie unangenehm: Ich bin feige. Aus dem gleichen Grund will ich nicht schwarzfahren. Ohne Ticket in einen Bus oder eine U-Bahn einzusteigen bereitet mir physisches Unwohlsein, psychische Schmerzen und Gewissenbisse schwerkrimineller Natur. John Dillinger war bei seinem ersten Banküberfall entspannter. Ich fühl mich so unwohl dabei, dass es mir den Stress nicht wert ist. Und ich hege eine gewisse Bewunderung für all jene, die das ganz lässig einfach tun. Es zeugt von Freiheit und einer starken Persönlichkeit, sich gesellschaftlicher (oder gesetzlicher) Normen nicht einfach unterzuordnen, sondern seine eigenen Ideale darüber zu stellen. Meiner Meinung nach ist das eine große Charakterstärke. Und deshalb hegen wir auch immer eine gewisse, stille Bewunderung für den Bösewicht im Film. Er ist stärker als wir.

Was wäre denn besser?

“‘Du bist auf meiner Prioritätenliste derzeit nicht ganz oben’ ist mir aber zu kompliziert zu sagen!” Nicht verzagen, auch dafür gibt es eine Lösung. Wie wär’s damit, einfach nur die Phrase “ich kann nicht” zu streichen? “Morgen Kino?” – “Morgen hab’ ich schon was vor” – voila! Ehrlich, höflich und nicht “ich bin so arm, ich kann das nicht”. Eine viel stärkere Aussage. Wer “nicht kann” ergibt sich den Umständen seiner Umwelt. Er lässt sich einschränken von dem, was rund um ihn passiert. “Ich kann X nicht, weil ich Y tun muss”.

Das mag nach Haarspalterei klingen, ich bin aber davon überzeugt, dass diese kleinen Unterschiede große psychologische Auswirkungen haben. Jemand, der sich daran gewöhnt hat, alles mit “ich kann nicht” auszuschlagen, der sich und anderen immer und immer wieder sagt, er könne nicht, wird früher oder später wirklich glauben, nicht die Wahl zu haben. Nicht zu können. Wer kennt jemanden, der sich immer mal wieder darüber mokiert, das Leben überrolle ihn? Er/Sie keine Wahl hätte? Einfach nicht genug Zeit hat? Zu nichts kommt? Ich wette diese Person kann sehr oft nicht.

Unser Bösewicht hingegen entscheidet. Zwischen A und B. Er fällt aktiv eine Entscheidung: Ich will A mehr als B, also mache ich A. Basta. Ich könnte auch B tun, aber A ist mir wichtiger. Solch eine Person wird sich nicht beschweren und in Mitleidsschwälle darüber ausbrechen, B nicht gemacht zu haben – es war immerhin die eigene, bewusst getroffene Entscheidung. Das formt nicht nur eine starke Persönlichkeit, das führt auch zu einem glücklicheren und bewussteren Alltag: Ich hab’ mein Leben unter Kontrolle. Ich treffe die Entscheidungen.

So schaut’s aus

Wer überzeugt ist, vom Leben dirigiert zu werden, kann leicht und völlig unschuldig – er kann ja nichts dafür, es ist doch alles so, wie es ist – unglücklich sein, in Selbstmitleid baden und sich beschweren. Wer sein Leben selbst in die Hand nimmt übernimmt auch die Verantwortung für die Konsequenzen seiner Entscheidungen – solche Menschen konzentrieren sich, erfahrungsgemäß, auf das Gute das ihnen passiert und können über ihre Fehler lachen, während erstere Fraktion scheinbar keine eigenen Fehler zu verantworten hat, sondern Klagelieder singt ob der Ungerechtigkeit dieser unserer Welt.

Ein richtiger Schritt auf dem Weg zu einem selbstbestimmten Leben ist aufzuhören Dinge “zu müssen” und “nicht zu können” und stattdessen Dinge zu wollen, und diese auch zu tun. Und man kann damit im Sprachgebrauch anfangen.