Ich würd’ ja eigentlich gern, aber irgendwie will ich nicht

February 25th, 2010 |

Warum tun wir, was wir tun? Und, viel wichtiger: Warum tun wir viele Dinge nicht, obwohl wir sie gerne tun würden? Und ich frage nicht, warum wir dem Hutfahrer vor uns nicht unsere Motorhaube bis auf den Rücksitz ins Heck rammen. Oder dem singenden Kind im Morgenzug nicht seine überdimensionale Clownrassel in seinen unmusikalisch krächzenden Rachen schieben. (Wir kennen die Antwort: Wir sind schwach und verweichlicht. Schatten unserer selbst sind wir. Feige, mädchenhafte Memmen.)

Ich frage, warum wir nicht öfter trainieren. Laufen gehen. Das interessante Buch lesen, das wir vor 3 Monaten bei Amazon bestellt haben. Die ganzen anderen interessanten Bücher lesen, die sich in den letzten 2 Jahren in Amazon-Paketen bei uns eingefunden haben. Warum wir diejenigen Dinge nicht tun, von denen wir wissen, dass wir uns danach gut fühlen werden. Aktiv, fit, Glücklich. Schlau wie ein Iltis. Voller Energie und Tatendrang. Sexy und wunderschön. Warum wir mit uns selbst streiten müssen, ob wir uns etwas Gutes tun oder nicht.

Um das klar zu stellen

All jenen, die hier einen Selbsthilfe-Artikel erwarten, sei gleich im Vorfeld jegliche Hoffnung mit stählerner Faust aus der Brust gerissen und zu Boden geschmettert. Und ein bisschen darauf herumgetrampelt. Denn erstens gibt es keine Selbsthilfe; wenn man Hilfe braucht, dann von jemand anderem. Wenn man es selbst macht, braucht man – per Definition – keine Hilfe. “Hilfe im Sinne der Hilfsbereitschaft ist ein Teil der Kooperation in den zwischenmenschlichen Beziehungen.” – ergo: ”Sich selbst zu helfen” ist nicht Hilfe, sondern die ureigene Definition von “Dinge tun”. Und zweitens hab ich keine Antworten. Aber wir können uns ein bisschen über das Problem unterhalten! Frauen, wie ich meine, sind besonders enthusiastische Anhänger dieser Vorgehensweise. Und ja, ich schreibe nicht Anhängerinnen. Auch nicht, wenn sich meine Aussage nur auf Frauen bezieht. Ich, für meinen Teil, bin ein Verfechter der Gleichberechtigung. Emanzipation für alle! Und Weltfrieden.

Zurück zum Thema. Am Besten, ich fange am Anfang an: Dort, wo das Mysterium “Motivation” seinen Ursprung nimmt (und überhaupt alles Andere auch, obgleich man bei uns Männern in zahlreichen Fällen andere Organe für unser Handeln verantwortlich zu machen sucht): Im menschlichen Gehirn. Wo elektrische Impulse dafür sorgen, dass wir des Atmens, Essens und anderer, artistischerer Betätigungen wie des Synchronschwimmens, Schönheitsoperierens und Zwergenweitwurfs mächtig sind.

Dieses wundersame Gehirn teilt sich im Wesentlichen, laienhaft und vereinfachter Weise, in drei Teile: Das reptile Gehirn, das limbische System und den Neocortex. Ganz grob und unwissenschaftlich gesprochen tun diese drei Kameraden folgendes:

Atmen, und andere banale Freuden des Alltags – Überleben

Dinge, die wir unbewusst tun, weil sie unserem Überleben und Fortbestehen zuträglich sind, werden vom reptilen Teil des Gehirns gesteuert, dem ältesten, primitivsten Mitspieler. Gewissermaßen der Fußballer unter den Teamspielern. Dieser Bursche überlegt nicht, fühlt nicht, wägt nicht ab. Er sitzt einfach da und sorgt fürs Notwendigste: Sauerstoff, Nahrung, Schlaf. Auch das Grundbedürfnis nach Fortpflanzung hat, übrigens, hier seinen Sitz. Denn nicht nur das Überleben des Individuums, auch der Fortbestand der Menschheit an sich ist ein evolutionäres – und durchaus zu begrüßendes – Anliegen. Dieser Teil des Hirns meldet dem geschlechtsreifen Männchen auch: “Paare dich mit möglichst vielen Weibchen, du Wurm!”. Ja, “Wurm” sagt es. Höflichkeit zählt nicht zu den Eigenschaften des reptilen Gehirns.

Irgendwie weiß ich es einfach – Fühlen

Gewissermaßen auch unbewusst agiert das limbische System. Diesem Teil des Gehirns werden grob gesagt Gefühle und reaktives Verhalten zugeschrieben – man könnte also sagen wir haben es mit einem weiblichen Fußballer zu tun. Wittern wir Gefahr und verfallen in Angst oder gar Panik, schaltet dieser Teil des Gehirns uns in den “Freeze/Flight/Fight” Modus: Erst erstarren wir sprichwörtlich – wie Medusa, die dumme Nuss, beim Blick in den Spiegel – um möglichst nicht gesehen zu werden. Das macht übrigens deshalb Sinn, weil “Gefahr” vor einigen Jährchen gleichzusetzen war mit “Fressfeind” – und diese besagten Fressfeinde haben im Regelfall nur bewegliche Ziele wahrgenommen, eine der ironischeren Launen von Mutter Natur.

Hilft das nicht, sucht der wimmernde Feigling in uns nach Büschen zum Verstecken, Bäumen zum Erklimmen oder weiten Feldern, in denen er dann versuchen kann, vor diversem hungrigen Raubgetier davonzulaufen. Letztere Wahl führte, kürzlich entdeckten Höhlenmalereien zur Folge, tendenziell übrigens eher selten zum Erfolg, wird aber auch heutzutage noch oft beobachtet – vornehmlich in Filmszenen, in denen Fußgänger vor Autos zu flüchten suchen. Schlagen die Programme “Medusa” und “feige Sau” beide fehl, schlägt Furcht in Aggression um und wir prügeln Nonnen zu winselnden Klumpen: Niemand schleicht des nächtens in schwarzem Cape verhüllt hinter uns durch die Nacht. Niemand! Das limbische System ist, das sei noch erwähnt, des Lügens nicht mächtig und kontrolliert unsere Körpersprache – deshalb verraten unsere Ärmchen, Beinchen und gar lustigen, unbewussten Grimassen auch so oft die Unwahrheit unserer gefinkelt komponierten Lügenkonstrukte.

Das muss ich mir überlegen – Denken

Bleibt also noch ein Spieler des Trios zu beleuchten: Der Neocortex, der intellektuelle Teil des Gehirns. Um die fürchterlich ungeeignete Sportler-Metapher würdig, kurz und knapp abzuschließen: Der Schachspieler. Dieser Teil des Gehirns lässt uns Dinge überdenken, Argumente abwägen, Romane schreiben, forschen und – nicht zuletzt – lügen. Es ist der jüngste Teil des Gehirns und exklusiv im erlauchten Kreise der Säugetiere vorzufinden. Empirische Erhebungen bestätigen im Alltag täglich aufs Neue, dass die Nutzung der Fähigkeiten des Neocortex keine Grundvorraussetzung zum Überleben darstellt.

Wozu der neurologische Grundkurs?

Keine Fragen! Es geht weiter mit der Motivation. Die ist, vereinfacht gesprochen, die Antriebskraft hinter unseren Taten. Ein Motiv lässt uns nach einem Ziel streben, zu dessen Erfüllung bestimmte Handlungen führen. Klingt kompliziert, ist es aber nicht: Essen, zum Beispiel, funktioniert so. Wir haben das Motiv “Hunger”, welches uns nach dem Ziel “Sättigung” streben lässt und zur Handlung “Nahrungsaufnahme” bewegt. Jeder Handlung liegen ein Motiv und ein Ziel zugrunde (Peter Falk wusste das).

Oft allerdings konkurrieren verschiedene Motive, und irgendwie müssen wir uns entscheiden, welches wir bedienen – der Faktor “verfügbare Zeit” ist ein limitierendes Hindernis. Ergo: Man kann wirklich nicht Alles haben. Blöd, eigentlich. Im Regelfall triumphiert das “niedere” Bedürfnis: Überleben ist wichtiger als Wohlfühlen, und Wohlfühlen ist wichtiger als Denken. Maslow hat mit seiner lustigen Pyramide eine etwas facettenreichere Bedürfnishierarchie in den Raum gestellt, das Prinzip ist allerdings dasselbe: Die neue Staffel von Dr. House hat bessere Karten als unser emsig angehäufter Bücherstapel, denn gebildet zu sein ist im Vergleich zu ausgeruht sein – rein evolutionär betrachtet – völlig bedeutungslos.

Außerdem verbraucht jede nicht überlebenswichtige Aktivität wertvolle Energie. Das mag heutzutage nicht mehr so wichtig sein, vor einigen Jahrtausenden konnte es aber den Ausschlag zwischen erfolgreicher Jagd und kümmerlichem Verhungern im prähistorischen Straßengraben geben. Betrachtet man den Lauf der Zeit wird schnell klar: Unser Gehirn ist nicht ganz auf dem neuesten Stand der Dinge – der moderne Fortschritt ist schnell. Die Evolution eher nicht so. Der Wettstreit zwischen neuzeitigem Vorankommen und der Entwicklung des Gehirns ist in etwa so fair wie ein Rennen zwischen einem Maserati und einem Stein. Einem sehr, sehr langsamen Stein.

Conclusio

Um uns zu nicht-lebensnotwendigen Taten zu motivieren müssen wir also durch die Kraft unseres Neocortex unser veraltetes Überlebensprogramm und unsere memmenhafte Gefühlsduselei übertreffen. Darum wurden Sklaven misshandelt, geprügelt und bei Widerstand vor ihren Kollegen hingerichtet. Im Angesicht des Todes zählte nur ein Motiv: Überleben. Und nur eine Handlung konnte das erreichen: Harte Arbeit. Das mag alles furchtbar unmenschlich gewesen sein, die Pyramiden von Gizeh hätten aber wohl nicht gebaut werden können, hätte man den fleißigen Steineschiebern einen schönen Teppich versprochen wenn sie sich brav bemühen, anstatt den Tod wenn sie sich unerlaubt ein Päuschen gönnen.

Was den Pharaos – und allen sklaventreibenden Kollegen anderenorts – zwar keine Menschlichkeit attestiert, aber immerhin ein gewisses Maß an Schlauheit.

  1. Großartig analysiert! Doch was soll ich denn nun tun? Wo soll ich die Motivation hernehmen?

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